Die South by Southwest (SXSW) in Austin, Texas, ist längst mehr als ein Festival – sie ist ein globales Schaufenster für die Zukunft. Auch 2025 war sie wieder Treffpunkt für Tech-Pioniere, Kreative, Startups und Visionäre aus aller Welt. Mit dabei: Eine starke Delegation aus Baden-Württemberg, unterstützt von Baden-Württemberg International. Doch was bleibt nach fünf intensiven Tagen zwischen Panels, Pitch-Sessions und Networking?
KI ist kein Trend – sie ist das neue Betriebssystem
Natürlich drehte sich sehr viel um Künstliche Intelligenz (KI). Ganz gleich, ob der Vortrag aus der Vogelperspektive – wie Amy Webbs Tech Trend Report – gehalten wurde, aus wissenschaftlicher Sicht, etwa von Stanford, MIT oder Harvard, oder von visionären Unternehmern wie Richard Socher, dem aus Sachsen stammenden Professor und Gründer von you.com: Der Tenor war stets derselbe. Es geht längst nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie. KI wird übernehmen!
Sie ist keine Verbesserung von Software, sondern eine Infrastruktur, die Wirtschaft, Gesellschaft und unser Selbstverständnis neu strukturiert. Sie wird vom einfachen Werkzeug zum Partner, wie Neill Redding die Entwicklung voraussieht. Zuerst übernimmt sie klar definierte Aufgaben (Prompt), wird dann zum persönlichen Berater (Participate) und schließlich zum eigenständig handelnden Agenten (Delegate). In Bereichen wie Finanzen oder Social Media sehen wir bereits erste automatisch ablaufende Anwendungen (Initiate). Die Zukunft liegt in der Symbiose: KI wird zum Kollegen, integriert sich vollständig ins Arbeitsumfeld und verändert grundlegend, wie wir arbeiten und Entscheidungen treffen. Wir überschreiten die Schwelle zu einer neuen Epoche – von punktuellen Assistenzfunktionen hin zur autonomen Entscheidungsfindung in komplexen, von KI getriebenen Systemen.
Die großen ChatBots waren in Austin nur am Rande ein Thema. Die chatbasierten Services waren ab 2022 der Urknall, der KI der breiten Masse zugänglich gemacht hat. Dieser durch immer neue Modelle forcierte Push bringt nun Talent, Geld und neue Lösungen in erstaunlicher Geschwindigkeit auf den Markt. In den Unternehmen selbst haben sie bislang offenbar noch limitierte Produktivitätsfortschritte erbracht. Doch die nächste Welle kommt und sie wird größer, viel größer. KI Agenten (Agentic AI), die Aufgaben bereits eigenständig lösen werden zu Multi-Agent-Systemen (MAS) kombiniert, die Unternehmensprozesse auf allen Ebenen radikal verändern. Es geht nicht mehr um einzelne KI-Modelle. Die Zukunft gehört integrierten Gesamtsystemen, die LLMs, mit und ohne Reasoning, mit APIs, Tools, allgemeinen und proprietären Daten und umfassender Interpretation aus verschiedenen Perspektiven verbindet. Konzipiert wird das als kompletter Layer über die Organisation, agil und fluide. Damit wird pfeilschnelle Anpassung an innere und äußere Veränderungen zur künftigen Kernkompetenz von Unternehmen. Die Botschaft für Unternehmen auf der SXSW war eindeutig: Aktive Adaption in Raktentempo oder Ausscheiden aus dem Wettbewerb!
Bemerkenswert war die vermehrte Auseinandersetzung mit den Folgeeffekten und Notwendigkeiten in den bestehenden Unternehmen: Veränderung der Organisationsstrukturen, Organizational Behavior, der Ausbildung, des Recruting und fast aller Prozesse. Wie die Führungskräfte von morgen die Basistätigkeiten, die nun von der KI übernommen werden, erlernen und verstehen sollen, habe ich nicht gehört. Klar scheint aber: Wer versucht, direkt mit Maschinen zu konkurrieren, hat bereits verloren. Da parallel die Halbwertszeit von Fähigkeiten dramatisch, lt. Studie von ca. 30 auf 0,5 bis 5 Jahre, sinkt, muss die Antwort in schnellem, kontinuierlichem Lernen und der Nutzung eigener, vielfältiger Intelligenzen liegen. Das ist eine massive Herausforderung und wird die Aufspreizung der Kompetenzen verstärken. Wer ein Gebiet bereits beherrscht, kann dieses Wissen über KI massiv hebeln.
Als Idealbild wurde die AI Native Company skizziert, die alles von der KI aus denkt und konzipiert: Frei zugängliche Information und Expertise auf allen Ebenen, keine ungenutzten Daten, flachere und flexiblere Strukturen, Akzelerierung von Wettbewerbsvorteilen durch KI und Nutzung von KI sowohl auf der Umsatz- als auch auf der Kostenseite – in Offense und Defense! Für Startups ist das eine gute Option, für bestehende Strukturen dagegen ein harter Weg. Das „Innovator’s Dilemma“ kommt in der ein oder anderen Form bei jeder Organisation an, bemerkte ein Redner.
Deutschland und Europa: Kreativität trifft auf Struktur
Die deutschen Beiträge bei der SXSW – etwa durch Startups wie onino aus Karlsruhe, istari.ai, Paretos oder Implyt – machten deutlich: Europa muss sich nicht verstecken. Im Gegenteil: Mit einer Verbindung aus Ingenieurskunst, Kreativität und Regulierungskompetenz kann The Länd ein eigenes Narrativ in der KI-Welt formulieren – vorausgesetzt, wir denken größer, vernetzter und mutiger.
Fünf Impulse für Unternehmen
Was nehme ich aus Austin mit – abgesehen von einem gewaltigen Information Overload, unzähligen Kooperationsideen und einer Fülle inspirierender Begegnungen?
- Adaption ist die Superpower: In einer Welt, in der sich Skills schneller verändern als je zuvor, ist Anpassungsfähigkeit entscheidend.
- Agenten sind überall: Jedes Unternehmen muss die umfassende, intelligente Anwendung von KI Werkzeugen und Agenten einbeziehen, besser heute als morgen
- Daten strategisch nutzen: LLMs liefern Durchschnitt – Wettbewerbsvorteile entstehen durch exklusive Unternehmensdaten. Das ist unsere Chance.
- Prompt statt Dashboard: Die Zukunft der Datenanalyse liegt in natürlichsprachiger Interaktion, nicht mehr in starren Reports.
- AI-native denken: Nicht AI nachrüsten – sondern von Beginn an mitdenken, wie bei neuen Startups.
- Emotion + Innovation: Wer berührt, bleibt – auch in der KI Welt. KI ist nicht alles.
Fazit: Die Zukunft ist kollaborativ – und sie beginnt jetzt.
SXSW hat einmal mehr gezeigt: Die Zukunft lässt sich weder linear noch isoliert denken. Was es braucht, sind offene Räume, in denen Politik, Wissenschaft, Kreativität und Unternehmertum gemeinsam wirken – so wie in Austin.
Doch auch in Baden-Württemberg finden sich solche Orte: Offene Netzwerke und Kooperationsplattformen wie das CyberForum werden in einer von KI durchdrungenen, sich rasant wandelnden Welt zunehmend an Bedeutung gewinnen – gerade für kleine und mittlere Unternehmen.
Mit Mut, Offenheit zur Zusammenarbeit und dem Anspruch, nicht nur Nutzer, sondern aktive Gestalter des Wandels zu sein, können wir diese Herausforderung meistern.
Und: Wir müssen unsere technologische Souveränität zurückgewinnen. Denn ein einziges Dekret könnte uns andernfalls in ein digitales Mittelalter zurückkatapultieren.
Noch ein persönliches Wort zum Schluss. Bei aller Begeisterung über die Perspektiven der technologischen Entwicklung und dem konstruktiven Optimismus der Branche blieb nach der Reise ein schlechter Beigeschmack. Die SXSW war immer eine Welt für sich, eine Blase. Das dröhnende Schweigen zu den aktuellen politischen Entwicklungen im Land war jedoch schockierend. Der Elefant im Raum wurde von niemandem angesprochen. Trump war wie Voldemort in Harry Potter. Kritik war selten zu hören, allenfalls in allgemeinen Statements wie „Weeks when decades happen“. Die Technologiebranche hat sich offenbar in großer Breite entschieden, sich über geringere Regulierung und Steuern zu freuen und verweist ansonsten auf die Midterms als nächste Möglichkeit zu demokratischen Aktivitäten. Hoffen wir, dass es dann nicht zu spät ist für dieses großartige Land.