Im Gründerview stellen wir in regelmäßigen Abständen spannende Startups vor. Heute an der Reihe: INTAGIUM. Das Startup baut eine KI-resistente Schutztechnologie für digitalen Text. Im Interview sprachen wir mit dem Gründer Amr Hafez und stellten ihm die bekannten zehn Gründerview-Fragen.
Euer Startup in einem Tweet?
INTAGIUM baut eine KI-resistente Schutztechnologie für digitalen Text (“Virtual Watermarking”, patentiert über die TU Dresden): Digitaler Text bleibt für Menschen normal und stabil lesbar, wird aber für Scraper, OCR- und KI-Pipelines deutlich schwerer automatisiert zu extrahieren und massenhaft weiterzuverwerten. Ohne neue Dateiformate oder proprietäre Viewer, keine neue Infrastruktur, sondern eine integrierbare Technologie für Web, PDFs und Datenbanken.
Wie ist eure Geschäftsidee entstanden; was war der initiale Funke?
Am Anfang war die Idee ziemlich “klassisch für die Zeit”: Ich wollte Bücher als NFTs auf der Blockchain verkaufen. NFTs waren damals ein riesiger Trend und auf den ersten Blick klang es logisch: digitales Eigentum, Nachweisbarkeit, neue Vertriebsmodelle.
Dann wurde ich in ein Startup-Bootcamp im Umfeld von Dresden EXIST aufgenommen – und dort kam das Feedback, das alles verändert hat. Mir wurde sehr direkt gesagt: “Wenn jemand zwei Versionen eines Buches kauft und sie miteinander vergleicht, kann er die veränderten Stellen erkennen. Und sobald er das Muster versteht, kann er den Inhalt kopieren – und am Ende ist dein NFT zwar ‘on-chain’, aber der Text ist trotzdem weg.” Das war brutal – aber exakt der Punkt.
Plötzlich war klar: Das eigentliche Problem ist nicht Ownership, sondern der Text selbst. Die Herausforderung wurde: Wie kann ich Text gleichzeitig (a) für Menschen klar lesbar anzeigen und (b) maschinelle Extraktion so schwer machen, dass Copy/Scraping/Automatisierung nicht mehr trivial ist? Ich wollte nicht nur „Zugriff“ kontrollieren, sondern den Missbrauch nach Exposure verhindern.
Aus diesem Problem heraus habe ich angefangen, die Idee weiterzuentwickeln – Schritt für Schritt, mit Tests und immer neuen Iterationen. Irgendwann stand ein Konzept, bei dem der Text für Menschen stabil und sinnvoll bleibt, aber Scraper und Maschinen nicht mehr sauber „verstehen“, was sie da extrahieren. Der Moment, der für mich wirklich der Durchbruch war: Ich habe es dann aktiv gegen typische KI-Tools und Automations-Flows getestet – und sie kamen nicht zu brauchbaren Ergebnissen. Das war die eigentliche Geburt von INTAGIUM.
Und ehrlich: Dieses harte Feedback war im Nachhinein das beste Feedback, das ich bekommen konnte. Du kannst daran kaputtgehen und das Projekt begraben – oder du nutzt es als Hebel, um eine bessere Lösung zu bauen. Ich habe mich für Letzteres entschieden: aufstehen, verstehen, neu bauen.
Wie groß ist euer Team, wer gehört dazu und wie habt ihr euch gefunden?
Aktuell bin ich Solo-Founder. Ich baue die Kerntechnologie und das MVP selbst auf, um in der frühen Phase schnell zu iterieren und den Fokus zu halten.
Wer profitiert von eurer Idee und warum?
Im Kern profitieren alle, die digitalen Text bereitstellen und dabei ein Risiko tragen – entweder finanziell, rechtlich oder strategisch.
Unternehmen profitieren, weil ein großer Teil von Datenlecks textbasiert ist: E-Mails, interne Dokumente, Reports, Support-Kommunikation. Sobald so etwas automatisiert abgegriffen wird, entstehen Folgekosten – von Incident Response über Compliance bis Reputationsschäden.
Plattformbetreiber und Entwicklerteams profitieren, weil sie ihre bestehenden Produkte schützen können, ohne die User Experience zu zerstören. Viele Security-Produkte scheitern nicht an der Technik, sondern an Adoption: Wenn ein Tool neue Formate, proprietäre Viewer oder Workarounds erzwingt, wird es umgangen oder nie ausgerollt.
Content-Creator, Medienhäuser und Wissensplattformen profitieren, weil öffentliche Dokumentationen und Inhalte inzwischen systematisch von KI-Systemen genutzt werden. Das verändert Geschäftsmodelle (Ads, Subscription, Paywalls). Wir versprechen keine “Magie” gegen das gesamte Internet, aber wir schaffen eine neue Hürde gegen massenhafte, automatisierte Extraktion – ohne dass echte Nutzer:innen plötzlich leiden.
Und perspektivisch profitieren High-Security-Anwendungen, wo es um kontrollierte Anzeige und Auditierbarkeit geht: Wer durfte wann welche Inhalte abrufen? Wie kann man Berechtigungen nachvollziehbar verwalten? Hier passt später unsere On-Chain-Permission- und PQC-Roadmap.
Stell dir vor: Wenn wir als Gesellschaft KI per Subscription bezahlen, dann sollte das „Up-to-date-Halten” nicht automatisch kostenlos über massenhaftes Scraping passieren. Virtual Watermarking macht ein faireres Modell möglich: Wer aktuelle Dokumentationen, Wissensdatenbanken oder proprietäre Texte zuverlässig nutzen will, muss dafür zahlen – statt sie einfach automatisiert abzugreifen.
Wie sieht euer Arbeitsalltag aus – gibt es überhaupt schon so etwas wie einen „Alltag“?
“Alltag” ist bei mir gerade ein großes Wort – eher gibt es einen Dauerzustand aus Bauen, Lernen und nebenbei Leben organisieren. Ich studiere parallel, und wenn man ehrlich ist, fühlt es sich manchmal an wie “28 Stunden am Tag”: Uni, Prototyping, Tests, Dokumentation, Arbeit, Gespräche, Pitch, Programme – und zwischendurch noch ein Minimum an Schlaf.
Weshalb habt ihr euch für einen Accelerator wie das CyberLab entschieden?
Weil ich nicht nur Technologie bauen will, sondern ein Unternehmen. Das sind zwei verschiedene Disziplinen. Ich kann eine Menge selbst entwickeln, aber ich will nicht im Blindflug an Kunden, Pricing und Positionierung vorbeibauen.
CyberLab hilft mir dort, wo frühe Teams oft scheitern: Messaging schärfen, Nutzen klar quantifizieren, Zielkund:innen sauber definieren, Pitches brutal ehrlich machen und die richtigen Leute an den Tisch bekommen – nicht irgendwann, sondern jetzt. Und es ist ein Umfeld, in dem du schnell Feedback bekommst, das nicht “nett” ist, sondern nützlich.
Welches Startup hat euch am meisten begeistert oder inspiriert?
OpenAI. Ich habe die gesamte Dynamik rund um ChatGPT praktisch live miterlebt – wie schnell sich komplette Branchen, Arbeitsweisen und Erwartungen verschoben haben. Ich erinnere mich noch an den Hype um Metaverse/Virtual Worlds: riesige Welle, dann wurde es deutlich leiser. ChatGPT dagegen hat die KI-Welt wirklich gezündet – nicht als Buzzword, sondern als reale Veränderung, die jeden Tag spürbar ist.
Und genau das ist auch meine Hoffnung für INTAGIUM: Dass wir nicht nur ein Security-Feature bauen, sondern etwas, das neue Standards und neue Geschäftsmodelle ermöglicht – und dass man irgendwann Virtual Watermarking überall “spürt”.
Was ist der nächste große Schritt?
Der nächste große Schritt ist das Launching eines nutzbaren Prototyps – und danach echte Real-World-Szenarien zu erleben: Integration, Nutzerfeedback, Angriffsversuche, Performance und messbare Effekte in Web-, PDF- und Datenbank-Flows. Kurz: raus aus Demo-Umgebung, rein in echte Nutzung.
Über welche Stolpersteine musstet ihr während der Gründung steigen?
Der größte Stolperstein ist Fokus. Wenn du eine Plattform baust, hast du tausend “logische” Features. Aber jedes Feature, das du zu früh baust, verzögert das, was wirklich zählt: ein Kernprodukt, das Nutzer:innen wirklich einsetzen.
Zweiter Stolperstein: Sprache. In Security ist Sprache gefährlich. Wenn du “Encryption” sagst, erwarten Menschen reversible Klartext-Recovery. Wenn du “DRM” sagst, erwarten sie proprietäre Viewer. Ich musste sehr früh lernen, extrem präzise zu formulieren: Was löst INTAGIUM wirklich, wo wirkt es, und wo sind die Grenzen? Das ist nicht Marketing – das ist Vertrauen.
Dritter Stolperstein: Der Problemraum ist adversarial. Du baust nicht gegen ein statisches System, sondern gegen Angreifer und ständig bessere Extraktionspipelines. Das heißt: Testen, messen, iterieren – und offen akzeptieren, dass du dauerhaft nachschärfen musst.
Habt ihr einen Rat oder Tipp an andere Gründer:innen?
4 Dinge, die ich selbst hart lernen musste:
1) Bau zuerst etwas, das benutzt wird, nicht etwas, das beeindruckt. Demos sind gut, aber echte Nutzung ist der einzige Beweis.
2) Sei brutal präzise in deiner Problemdefinition. Wenn du das Problem nicht sauber eingrenzen kannst, baust du ein Produkt, das niemand versteht oder bezahlt.
3) Adoption ist ein Feature. In Security gewinnt nicht die eleganteste Theorie, sondern die Lösung, die sich in bestehende Workflows integrieren lässt und nicht umgangen wird.
4) Wenn eine Tür zugeht, akzeptiere es schnell – und geh zur nächsten. Das klingt spirituell, aber ist praktisch: Du verlierst sonst Wochen, Monate, manchmal Jahre an “Warum hat das nicht geklappt?”. Es gibt Phasen, da ist ein “Nein” einfach ein Routing-Signal. Nimm es ernst, lerne, move on. Oft öffnet sich danach eine bessere Tür – aber nur, wenn du nicht an der alten klebst.
Wenn du das schaffst, kannst du auch schwere Deep-Tech-Themen in ein Produkt übersetzen, das wirklich Wirkung hat.



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