Was wäre, wenn Frauen in emotionalen Ausnahmesituationen jederzeit eine kluge, empathische Begleiterin an ihrer Seite hätten?
Von Ariane Lindemann
Toxische Beziehungen sind oft schwer zu erkennen – vor allem für die Betroffenen selbst. Es geht nicht immer um sichtbare Gewalt. Oft beginnt es viel leiser: mit Kontrolle, Abwertung, Schuldgefühlen oder emotionalem Rückzug. Was vielen in dieser Situation fehlt, ist keine Therapie – sondern Orientierung. Genau dafür haben zwei Gründerinnen Toxifree entwickelt.
Hinter der Idee stehen Patricia Masur und Melanie Reis, die seit fast 25 Jahren befreundet sind. Entstanden ist Toxifree aus einer einfachen Überlegung: Eigentlich bräuchte jede Frau in einer schwierigen Lebensphase eine gute Freundin an ihrer Seite. Eine, die zuhört, nicht urteilt und helfen kann, das Erlebte einzuordnen.
Patricia Masur bringt dafür ihre Erfahrung aus der psychologischen Beratung für Frauen ein. Dort erlebt sie immer wieder, dass viele Frauen nicht sofort eine Therapie brauchen, sondern zunächst Orientierung: Was passiert da eigentlich gerade in meiner Beziehung? Welche Dynamiken wirken? Warum ist es so schwer, sich zu lösen? Und warum komme ich trotz allem immer wieder ins Zweifeln?
Chatbot „Elvi“ ist ein sicherer Raum
Diese Lücke möchte Toxifree füllen. Die Web-App bietet Wissen rund um toxische Beziehungsmuster, Reflexionsimpulse, Affirmationen sowie Achtsamkeits- und Sicherheitsübungen für akute emotionale Belastung. Im Zentrum steht dabei der KI-Chatbot „Elvi“, der empathisch, verständlich und nicht wertend reagieren soll. Nutzerinnen können mit Elvi direkt sprechen oder die Inhalte der einzelnen Lektionen gemeinsam mit dem Chatbot vertiefen. Erste Rückmeldungen zeigen, dass insbesondere die Kombination aus empathischer Ansprache und fachlicher Einordnung als hilfreich wahrgenommen wird. Nutzerinnen beschreiben die Anwendung als „sicheren Raum“, in dem sie ihre Situation reflektieren können, ohne bewertet zu werden.
Wichtig war den Gründerinnen von Anfang an: Toxifree soll kein Therapieersatz sein. Die App versteht sich vielmehr als niedrigschwellige Unterstützung für Frauen, die Klarheit suchen, sich stärken wollen und vielleicht noch nicht bereit sind, sich an eine Beratungsstelle zu wenden.
Ursprünglich hatten Patricia und Melanie ein festes Acht-Wochen-Programm entwickelt. In der Testphase zeigte sich jedoch schnell, dass viele Nutzerinnen gar keinen starren Kurs wollten. Sie suchten flexible Unterstützung genau in dem Moment, in dem ihr Thema akut wurde. Also hörten die Gründerinnen genau hin, werteten das Feedback aus und bauten die App grundlegend um.
In den Accelerator für praxisnahen Input
Heute besteht Toxifree aus verschiedenen Modulen, die individuell genutzt werden können. Dieser enge Austausch mit der Zielgruppe prägt die Entwicklung bis heute. Das Team beobachtet genau, wie Nutzerinnen sich durch das Angebot bewegen, wo Hürden entstehen und welche Inhalte besonders gut funktionieren. So wird die Plattform Schritt für Schritt weiterentwickelt.
Unterstützung bekamen die Gründerinnen auch im CyberLab Accelerator, an dem sie vor rund einem Jahr teilgenommen haben. Besonders wertvoll waren für sie das Netzwerk, der Austausch mit anderen Startups und der praxisnahe Input zu Themen wie Nutzergewinnung, Produktentwicklung und Markttests. Gerade in einem sensiblen Bereich wie diesem wurde deutlich: Ein gutes Produkt allein reicht nicht. Es braucht auch Vertrauen, Geduld und die Bereitschaft, immer wieder nachzuschärfen.
Finanziert ist Toxifree bislang komplett eigenständig. Statt auf externe Investoren zu setzen, bringen die Gründerinnen ihre eigenen Kompetenzen ein – von psychologischem Fachwissen über Design und Nutzerführung bis hin zu Content und Marketing. Gemeinsam mit einem technischen Entwicklungspartner treiben sie das Produkt kontinuierlich voran.
Angebot zunächst für Frauen
Besonders spannend: Obwohl das Thema hochrelevant ist, gibt es bislang kaum vergleichbare Angebote in dieser Form. Toxifree bewegt sich damit in einem Bereich, der gesellschaftlich enorm wichtig ist und zugleich digital noch wenig erschlossen wurde.
Der Fokus liegt aktuell bewusst auf Frauen. Nicht, weil Männer keine toxischen Beziehungen erleben, sondern weil die Gründerinnen zunächst ein Angebot entwickeln wollten, das konsequent auf weibliche Bedürfnisse ausgerichtet ist. Perspektivisch können sie sich aber auch eine Erweiterung für andere Zielgruppen vorstellen.
Was Toxifree so besonders macht, ist die Verbindung aus Technologie, Empathie und gesellschaftlicher Relevanz. Die App will Frauen nicht bevormunden, sondern stärken. Nicht entscheiden, sondern begleiten.
Dieser Artikel wurde in Kooperation mit dem CyberLab Karlsruhe erstellt. Das CyberLab ist die zentrale Anlaufstelle für Startups und Gründungsinteressierte im IT-Bereich.
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