Warum Führungskräfte bei der Einführung von KI zwingend über Menschen, Prozesse und Strategie sprechen sollten
Ein KI-Chatbot für den Kundenservice. Ein Assistent für E-Mails. Ein Tool für die Texterstellung. In vielen Unternehmen beginnt die Beschäftigung mit Künstlicher Intelligenz genau dort: bei einzelnen Anwendungen. Doch reicht das aus?
Für Dr. Peter Klausmann, Tech-Unternehmer, Berater und Referent des Workshops KI-Express für Führungskräfte, greift dieser Blick zu kurz. Die eigentliche Herausforderung sei längst nicht mehr die Frage, welches KI-Tool eingesetzt wird. Vielmehr gehe es darum, wie Unternehmen KI strategisch nutzen, um Prozesse zu verbessern, Wertschöpfung zu steigern und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Die Einsicht ist da. Die Orientierung fehlt noch.
Kaum ein Technologiethema entwickelt sich derzeit so rasant wie Künstliche Intelligenz. Neue Modelle erscheinen im Wochentakt, die Möglichkeiten wachsen stetig. Gleichzeitig kämpfen viele Unternehmen damit, neben dem Tagesgeschäft überhaupt Schritt zu halten.
Dabei habe sich die Wahrnehmung inzwischen grundlegend verändert. „Die meisten Führungskräfte haben inzwischen verstanden, dass KI kein kurzfristiger Hype ist, sondern eine grundlegende Veränderung auslöst“, sagt Peter Klausmann.
Die größere Frage sei inzwischen eine andere: „Wie wird KI sicher, wirtschaftlich und entlang der eigenen Wertschöpfung eingesetzt, ohne unkontrollierte Schatten-KI oder Aktionismus zu erzeugen?“ Genau dort sieht Klausmann den größten Handlungsbedarf.
Der häufigste Denkfehler
Viele Unternehmen starten mit KI dort, wo der Nutzen unmittelbar sichtbar wird: Mitarbeitende schreiben Texte schneller, formulieren E-Mails oder erstellen Präsentationen mit Unterstützung von Sprachmodellen.
Ein sinnvoller Einstieg, findet Klausmann. Eine KI-Strategie sei das allerdings noch nicht. „Der häufigste Denkfehler besteht darin, KI nur als weiteres IT-Tool zu verstehen“, sagt er. Strategisch wirksam werde KI erst dann, wenn sie mit Prozessen, Daten, Wertströmen, Verantwortlichkeiten und neuen Services verknüpft werde. „Dann reden wir nicht mehr über ein Tool, sondern über ein Transformationsprojekt.“
Hinzu komme, dass die öffentliche Debatte häufig auf Chatbots und Sprachmodelle verengt werde. Dabei existieren längst zahlreiche weitere Einsatzfelder: von Sensorik und Messtechnik über digitale Zwillinge bis hin zur Bild- und Signalverarbeitung oder automatisierten Support-Systemen. Gerade dort entstünden oft neue Geschäftsmodelle und Wettbewerbsvorteile.
Nicht warten. Anfangen.
Wann ist ein Unternehmen eigentlich bereit für KI? Klausmann empfiehlt, nicht auf einen bestimmten Meilenstein zu warten.
„Meine Empfehlung ist immer direkt zu starten und nicht auf irgendeinen günstigen Zeitpunkt zu warten“, empfiehlt Klausmann. „Gerade zu Beginn ist es wichtig, viele Dinge selbst auszuprobieren und Erfahrung zu sammeln.“ Später könne gezielt zusätzliche Expertise aufgebaut oder ins Unternehmen geholt werden, um KI nicht nur zu nutzen, sondern strategisch zu meistern.
Dabei seien KI-Reifegradmodelle hilfreich, um den eigenen Entwicklungsstand systematisch zu bewerten und Handlungsfelder zu identifizieren. Sie betrachten nicht nur die Technologie, sondern auch andere zentrale Dimensionen wie Governance, Compliance, Lernkultur, Verantwortlichkeiten und Risiken.
Die Herausforderung sind oft nicht die Mitarbeitenden
In Diskussionen rund um KI wird häufig über Ängste und Widerstände gesprochen. Klausmann sieht das differenzierter. „Mitarbeitende haben selten Angst vor KI“, sagt er. „Aber sie bekommen häufig vom Unternehmen nicht die Zeit eingeräumt, sich ernsthaft mit dem Thema zu beschäftigen.“ Während KI privat längst genutzt werde, fehle im Unternehmen oft der Raum zum Experimentieren und Lernen.
Widerstände entstünden vor allem dann, wenn KI primär als Effizienzprogramm verstanden werde. Wenn Mitarbeitende bei ohnehin hoher Arbeitsbelastung plötzlich deutlich mehr Output liefern sollen oder KI mit Stellenabbau verknüpft werde, lasse die Akzeptanz naturgemäß nach.
Was als Nächstes kommt
Mit Blick auf die Zukunft sieht Klausmann drei Entwicklungen, die Unternehmen im Auge behalten sollten.
Zum einen sind das autonome KI-Agenten. Noch haben sie überwiegend den Stellenwert eines „kleinen Helferleins“. Langfristig könnten sie jedoch immer komplexere Prozesse eigenständig bearbeiten. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die Zuverlässigkeit der Systeme weiter steigt.
Als zweites großes Zukunftsthema nennt Klausmann humanoide Roboter. Künstliche Intelligenz werde zunehmend auch physisch im Alltag Einzug halten.
Besonders fasziniert ihn derzeit jedoch das Quantencomputing. „Es ist absehbar, dass wir zumindest für sehr spezielle Anwendungen eine quantenbasierte Rechenleistung zur Verfügung haben, mit der wir bislang praktisch unlösbare mathematische Probleme in den Griff bekommen.“ Das hätte weitreichende Auswirkungen, beispielsweise auf Verschlüsselungstechnologien und die IT-Sicherheit.
Wo KI heute bereits den größten Nutzen stiftet
Während viele Unternehmen KI aktuell vor allem für Text- und Bilderstellung einsetzen, sieht Klausmann den größten praktischen Nutzen derzeit in einem anderen Bereich: der Softwareentwicklung.
Von der Anforderungserhebung über Softwaretests bis hin zur Modernisierung alter Systeme unterstützten KI-Werkzeuge mittlerweile zahlreiche Arbeitsschritte. „Selbst das Vibe-Coding, also das Erstellen ganzer Anwendungen mit KI-Hilfe ist mittlerweile zumindest für geübte Software-Architekten so leistungsstark, dass es eine massive Beschleunigung des gesamten Software-Entwicklungsprozesses ermöglicht.“
Ein Rat zum Schluss
Fragt man Peter Klausmann nach seinem wichtigsten Rat für die kommenden zwölf Monate, fällt die Antwort klar aus: „Arbeitet euch in das Thema KI ein und entwickelt eine durchgängige, nachhaltige KI-Strategie. Es lohnt sich!“
Workshop-Tipp: Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, kann dies im Workshop KI-Express für Führungskräfte, am 08.10.26, tun. Dort geht es unter anderem um den KI-Reifegrad, strategische Einsatzmöglichkeiten, KI-Agenten, Chancen und Risiken von KI sowie die Entwicklung einer eigenen KI-Strategie.
Der Workshop wird im Rahmen des Projekts Next_KARL angeboten. Next_KARL wird bis Ende 2026 vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert.


















