Fünf Jahre Forschung, zahlreiche Demonstratoren, Workshops, Leitfäden und digitale Werkzeuge: Mit dem Projekt KARL ist im Frühjahr 2026 eines der größten regionalen Kompetenzzentren für menschenzentrierte Künstliche Intelligenz zu Ende gegangen. Doch wer denkt, dass damit auch die Arbeit abgeschlossen ist, unterschätzt die Dynamik des KI-Bereichs. Genau hier setzt Next_KARL an. Als Nachfolgeprojekt soll es ausgewählte Ergebnisse und Ideen aus KARL weiterentwickeln und noch stärker in die Praxis transferieren.
„Eine Idee zieht die nächste nach sich“, beschreibt Dennis Richter, Projektkoordinator an der Hochschule Karlsruhe, die Entstehung von Next_KARL. Während der Laufzeit von KARL seien zahlreiche neue Ansätze entstanden, die nicht mehr Teil der ursprünglichen Förderung waren. Gleichzeitig habe sich das technologische Umfeld rasant verändert.
„Ein Tool, das heute hochaktuell ist, kann in wenigen Wochen bereits veraltet sein“, sagt Richter. Gerade im KI-Umfeld müsse Forschung kontinuierlich weitergedacht werden. Für ihn ist das Nachfolgeprojekt deshalb ein logischer Schritt: „Mit Next_KARL haben wir die Chance erhalten, einige dieser Ideen weiter auszuarbeiten und frischen Wind in das Projekt zu bringen.“
Wenn Pläne auf die Realität treffen
Wer ein Forschungsprojekt über mehrere Jahre koordiniert, lernt schnell, dass sich nicht alles planen lässt. Das gilt insbesondere für ein Themenfeld wie Künstliche Intelligenz.
Als KARL konzipiert wurde, waren Large Language Models noch kein allgegenwärtiges Thema. Mit dem Aufkommen von ChatGPT und ähnlichen Systemen veränderte sich die KI-Landschaft jedoch grundlegend. Konzepte mussten angepasst, Schwerpunkte neu gesetzt und bestehende Ideen weiterentwickelt werden.
„Die größte Erkenntnis ist, dass vieles nicht planbar ist und ein solches Projekt von Agilität lebt“, sagt Richter. Forschung bedeute, auf neue Entwicklungen reagieren zu können, statt starr an Plänen festzuhalten.
Hinzu kommen die besonderen Herausforderungen großer Verbundprojekte: unterschiedliche Perspektiven, wechselnde Teammitglieder und zahlreiche Interessen, die zusammengeführt werden müssen.
Ein Satz von Projektleiter Steffen Kinkel ist Richter dabei besonders im Gedächtnis geblieben: „Durch die vielen Personen in KARL ist das ein bisschen wie Flöhe hüten.“ Trotz aller Komplexität gehe es am Ende nicht darum, jeden einzelnen Schritt zu kontrollieren, sondern das gemeinsame Ziel im Blick zu behalten.
Vom statischen Wissen zur dynamischen Wissenslandschaft
Das zentrale Ziel von Next_KARL beschreibt Richter so: „In Next_KARL geht es letztlich darum, ausgewählte Projektinhalte aus KARL auf das nächste Level zu heben.“
Besonders im Fokus stehen dabei Inhalte, die bislang eher statisch verfügbar sind. Wissen soll nicht nur dokumentiert, sondern kontinuierlich aktualisiert und leichter zugänglich gemacht werden. Gemeinsam mit dem FZI soll die bestehende Wissensbasis von KARL daher zu einer dynamischen, selbstaktualisierenden Wissenslandschaft weiterentwickelt werden.
Der Projektantrag beschreibt unter anderem die Entwicklung eines KI-gestützten Chatbots, einer automatisierten Monitoring- und Kontextualisierungspipeline sowie eines semantischen Matchings zwischen Unternehmensbedarfen und regionalen Transferpartnern.
KI-Unterstützung für Unternehmen neu denken
Viele Unternehmen wissen inzwischen, dass KI ein wichtiges Zukunftsthema ist. Häufig fehlt jedoch die Orientierung, welche Möglichkeiten relevant sind und an wen sie sich mit ihren Fragen wenden können.
Während Unternehmen in KARL häufig direkt individuelle Beratung suchten, möchte Next_KARL die ersten Schritte künftig stärker skalieren. „Wir fokussieren uns nun darauf, unsere Erkenntnisse noch stärker in die Breite zu transferieren und auch selbstaktualisierende Tools zu bieten“, erklärt Richter. Gleichzeitig soll die persönliche Unterstützung erhalten bleiben und es werde gezielt an neuen Matching-Ansätzen gearbeitet, um Unternehmen mit passenden regionalen Transferpartnern zusammenzubringen.
Der Blick über den Tellerrand
Dass Next_KARL Partner aus Wissenschaft, Wirtschaft und Netzwerkorganisationen vereint, sieht Richter als einen wesentlichen Erfolgsfaktor.
„Der Mehrwert entsteht häufig gerade dann, wenn man über den Tellerrand hinausschaut und den eigenen Horizont durch neue Perspektiven erweitert.“ Jede Organisation könne ihre eigenen Stärken einbringen und gleichzeitig von den Erfahrungen der anderen profitieren.
Ein Beispiel dafür sei die KI-Connect. Die Veranstaltungsreihe entwickelte sich während KARL zu einem zentralen Treffpunkt im regionalen KI-Ökosystem. Mehrfach waren die Veranstaltungen mit über 100 Teilnehmenden ausgebucht. Für Dennis Richter zeigt das, wie wichtig die Zusammenarbeit mit starken Transferpartnern wie dem CyberForum ist.
Und die Geschichte geht weiter: Die KI-Connect wird im Rahmen von Next_KARL fortgeführt und weiterentwickelt. Die dritte Auflage soll erneut Unternehmen, Forschende, Start-ups und Lösungsanbieter zusammenbringen und konkrete KI-Projekte anstoßen.
Ein Demonstrator mit Signalwirkung
Fragt man Dennis Richter nach dem spannendsten Vorhaben in Next_KARL, fällt ihm die Wahl nicht leicht. Schließlich hat er viele der Ideen bereits seit den Anfängen von KARL begleitet und ihre Entwicklung über Jahre hinweg miterlebt. „Um ehrlich zu sein, finde ich alle Ideen gut“, sagt er. Wenn er dennoch einen Schwerpunkt nennen soll, fällt seine Wahl auf den Vorzeige- und Labor-Demonstrator eines KI-Assistenten für die Störungsbehebung im öffentlichen Nahverkehr. Ausschlaggebend seien dabei weniger fachliche Präferenzen als vielmehr die besondere Sichtbarkeit und Praxisnähe des Vorhabens: Der Demonstrator entsteht direkt an der Hochschule Karlsruhe, greift eine Alltagssituation auf, die nahezu jede und jeder kennt, und macht die Möglichkeiten von KI für viele Menschen unmittelbar erlebbar.
Die Grundlage dafür wurde bereits in KARL gemeinsam von der Hochschule Karlsruhe, INIT und Lavrio.Solutions entwickelt. Das Interesse aus internationalen Verkehrsverbünden habe gezeigt, dass hier ein praxisnaher Ansatz entstanden ist, der weit über die Region hinaus relevant sein kann.
Für Richter ist genau das ein gutes Beispiel dafür, wie Forschung Wirkung entfalten kann: Aus einer Idee wird ein Demonstrator, aus einem Demonstrator entsteht ein konkreter Anwendungsfall mit Interesse aus der Praxis.
Woran misst sich Erfolg?
Die Laufzeit von Next_KARL ist deutlich kürzer als die des Vorgängerprojekts. Entsprechend klar sind die Ziele definiert. Erfolg bedeutet zunächst, die geplanten Inhalte in den sechs Themenbereichen umzusetzen.
Für Richter gehört jedoch noch etwas anderes dazu: „Für mich zählt daneben auch, ob alle am Projekt beteiligten Partner am Ende selbst mit den erreichten Ergebnissen zufrieden sind“, sagt er. Eine menschenzentrierte KI-Entwicklung sollte idealerweise nicht nur für die Anwenderinnen und Anwender gelten, sondern auch für die Menschen, die gemeinsam daran arbeiten.
Über KARL und Next_KARL
Mit KARL entstand in der Region Karlsruhe eines von bundesweit 13 regionalen Kompetenzzentren der Arbeitsforschung, das die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf Arbeit und Lernen erforschte und für Unternehmen, Beschäftigte und weitere Interessierte greifbar machte. Ziel war es, KI nicht nur theoretisch zu betrachten, sondern durch Demonstratoren, Werkzeuge, Lernangebote und Veranstaltungen konkrete Anwendungs- und Erfahrungsräume zum Ausprobieren, Verstehen und Weiterentwickeln zu schaffen.
Das Nachfolgeprojekt Next_KARL knüpft an diese Ergebnisse an und entwickelt ausgewählte Angebote weiter. Im Fokus stehen der niedrigschwellige Zugang zu KI-Wissen, der Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis sowie die stärkere Vernetzung von Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Lösungsanbietern. Durch neue Transferformate, intelligente Matching-Ansätze und Veranstaltungsformate wie die KI-Connect sollen KI-Kompetenzen gestärkt, Kooperationen initiiert und innovative KI-Anwendungen schneller in die betriebliche Praxis gebracht werden. Next_KARL wird bis Ende 2026 vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert.




















