Stay Forever ist Europas größter Podcast für Retrogames, der Firmensitz ist in Karlsruhe.
Vor wenigen Tagen hat die Mitglieder/Crowdfunding-Plattform Patreon angekündigt, 20 Prozent seiner Belegschaft zu entlassen. In der Begründung war viel die Rede von KI und Änderungen in der Tech-Industrie und der Notwendigkeit, die Organisationsstruktur “flacher zu machen” – konkreter wurde man dazu nicht wirklich. Ja nun, das Lied haben wir alle ja in letzter Zeit häufiger gehört.
Wir, der Retrogames-Podcast Stay Forever, haben eine starke Präsenz auf Patreon, aber für uns war das kein Grund zur Panik, nur ein weiterer kleiner Beleg für etwas, das uns schon länger beschäftigt: Wer als Creator seine gesamte Infrastruktur auf einer externen Plattform aufbaut, begibt sich in eine Abhängigkeit, die einen einschränkt und eventuell sogar, um es deutlich zu sagen, richtig in den Arsch beißen kann. Wenn ein US-Unternehmen aus welchen Gründen auch immer seine Prioritäten, seine Strategie oder sein Geschäftsmodell ändert, kann man als Partner davon direkt betroffen sein, ohne Mitspracherecht, oft ohne Vorwarnung.
Bei uns ist diese Abhängigkeit sehr konkret: Ein erheblicher Teil unserer Finanzierung läuft über Unterstützerabo-Modelle auf Patreon und dem deutschen Konkurrenten Steady. Unsere komplette Existenz als Unternehmen hängt also davon ab, dass diese Plattformen zuverlässig so funktionieren, wie sie sollen.
Deshalb haben wir vor Kurzem ein Projekt abgeschlossen, an dem wir lange gearbeitet haben: Wir haben unsere Website stayforever.de komplett neu aufgesetzt – mit einer eigenen, selbst entwickelten Membership-Plattform dahinter, die uns unabhängig von Drittanbietern macht. Umgesetzt haben wir das gemeinsam mit einem Dienstleister aus der Region: der Ludomagus GmbH aus Karlsruhe. Wir können jetzt Podcasts und anderen Content selber ausliefern, das Payment selber abfackeln, die User direkt verwalten, die Community direkt betreuen und so weiter.
Der Hintergrund: Wenn Abhängigkeit zum Risiko wird
Patreon und Steady erfüllen ihren Zweck, keine Frage. Aber im Alltag zeigen sich immer wieder die Grenzen, wenn man auf externe Plattformen angewiesen ist:
- Features, die einmal angekündigt oder sogar umgesetzt wurden, verschwinden manchmal wieder, ohne dass man als Nutzer Einfluss darauf hätte.
- Bestimmte Funktionen, die uns wichtig wären, Geburtstage der User abzufragen, etwa Transkripte einzubinden oder flexible, individuell konfigurierbare Podcast-Feeds, lassen sich auf diesen Plattformen technisch schlicht nicht umsetzen, weil sie dafür nicht vorgesehen sind.
- Die Auslieferung von physischen oder digitalen Community-Goodies ist oft umständlich und wenig flexibel.
- Man gibt einen erheblichen Teil der Kundenbeziehung ab: Die Nutzerdaten, die Kommunikationswege, die Zahlungsabwicklung, all das liegt in den Händen eines Dritten, mit (zuweilen) Unklarheit über die exakte Abrechnung.
- Man gibt die Hoheit über die eigene Produktentwicklung ab. Ob und wann ein gewünschtes Feature kommt, entscheidet nicht der Creator, sondern das Plattform-Unternehmen, basierend auf dessen eigenen Prioritäten.
Dazu kommt: Amerikanische Plattformen halten sich erfahrungsgemäß nicht immer an europäisches Datenschutzrecht, und in den letzten Jahren haben wir alle gesehen, wie schnell auch etablierte Plattformen an neue Eigentümer verkauft werden können, die dann grundlegende Änderungen durchsetzen, nicht selten zulasten der Nutzer und Creators, die auf der Plattform ihre Existenz aufgebaut haben.
Keines dieser Risiken ist bei Patreon oder Steady konkret absehbar. Aber wir glauben basierend auf unseren Erfahrungen auch nicht, dass die Features, die wir gern hätten, dort mittelbar entwickelt werden. Ob Patreon mit reduzierter Workforce jetzt endlich den ärgerlichen Legacy-Bug fixt, über den wir uns seit Jahren beschweren, ist unwahrscheinlich. Das grundsätzliche, strukturelle Risiko einer solchen Abhängigkeit war für uns Grund genug, aktiv zu werden, statt einfach zu hoffen, dass schon alles gut geht.

Die Entscheidung: Alles selbst in die Hand nehmen
Über die Idee einer eigenen Plattform haben wir intern schon seit drei, vier Jahren gesprochen. Umgesetzt haben wir sie erst jetzt, nicht zuletzt, weil sich durch personelle Veränderungen in unserem Team plötzlich die passenden Kompetenzen gebündelt haben, um ein Projekt dieser Größenordnung überhaupt zu stemmen. Für die technische Umsetzung haben wir uns bewusst für einen externen Partner entschieden, mit dem uns mehr verbindet als ein reines Auftragsverhältnis: die Ludomagus GmbH, ein Karlsruher Entwicklungsunternehmen unter der Leitung von Joachim Eckert.
Wie so ein Projekt in der Praxis abläuft, lässt sich am besten mit den Worten von Joachim Eckert selbst beschreiben, der den Prozess kürzlich in unserem Forum skizziert hat:
“Wir haben einen recht einfachen Ansatz gewählt, frei nach dem Motto: wenns funktioniert, funktioniert’s. Paul, Webentwickler bei Stay Forever, ist die Schnittstelle zwischen Entwicklung und der Geschäftsführung von Stay Forever. Er gießt die Anforderungen in grobe Trello-Tickets. Die werden auf unserer Seite entweder nochmal gechallenged – wenn etwas unklar ist, der Usecase nicht auf der Hand liegt, oder uns ein besserer Ansatz einfällt – oder direkt akzeptiert. Von da an wandern die Tickets durch ein paar wenige States, ein sehr minimalistisches Kanban. Mehr braucht es bei der Zahl der Beteiligten in unserem Fall auch nicht.
Bemerkenswert an der Zusammenarbeit war aus Sicht von Ludomagus vor allem der große Gestaltungsspielraum, den man dem Entwicklungsteam eingeräumt hat:
Der Gestaltungsspielraum auf Entwicklungsseite war recht groß. Auch beim Design kam es nicht darauf an, dass alles pixelgenau der Vorlage entspricht. Das ist aber keine Einbahnstraße: mt viel Spielraum kommt auch mehr Verantwortung. Ich denke, mit über 20 Jahren Erfahrung darf ich sagen, dass diese Verantwortung bei mir in guten Händen ist.”
Interessant ist dabei auch der persönliche Hintergrund der Zusammenarbeit: Eckert kennt Stay-Forever-Mitgründer Gunnar Lott bereits seit vielen Jahren, die beiden haben sich 2011 beim Karlsruhe Games-Anbieter Gameforge kennengelernt und waren später zusammen bei der Flaregames aber direkt zusammengearbeitet hatten die beiden vorher aber noch nie.
Für Eckert lässt sich der Erfolg des Projekts auf einen gemeinsamen Nenner zurückführen: gegenseitigen Respekt und Wertschätzung für die Arbeit der jeweils anderen Seite.
“Ich glaube, was uns allen von Anfang an wichtig war, war der gegenseitige Respekt und die Wertschätzung für die Arbeit des anderen. Uns war immer bewusst, dass das, was Stay Forever über die Jahre aufgebaut hat, ein Produkt verdient, das hochqualitativ dasteht. Umgekehrt hatte aber auch Stay Forever hohen Respekt für unsere Arbeit als Entwicklung, und das hat sich gegenseitig sehr gut befruchtet. Summa summarum: geile Energie, wohlwollende und wertschätzende Zusammenarbeit, gutes Produkt.”
Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit: eine komplett neue technische Infrastruktur, die uns erlaubt, unsere Unterstützerbeziehungen künftig auch direkt und unabhängig zu verwalten. Konkret bedeutet das für unsere Hörerschaft auch handfeste Vorteile im direkten Vergleich zu einem Abo auf einer externen Plattform.
- einen flexiblen Feed-Builder, mit dem sich individuelle, auch Podcast-Feeds zusammenstellen lassen,
- ein erweitertes Benachrichtigungssystem per E-Mail und auf der Website,
- eine sauberer Single-Sign-On mit unserem Forum,
- bessere Übersicht über Vorteile für Abonnenten,
- kostenlose Folgen und Unterstützer-Folgen aus einer Hand,
- Nutzung einer DSGVO-konformen Plattform ohne Datenabfluss,
- direkte Rechnungsbeziehung mit uns und schneller Support durch uns,
- die technische Basis, um langfristig weitere Features umzusetzen, die auf den bisherigen Drittplattformen schlicht nicht möglich wären.
Wichtig war uns dabei von Anfang an eine klare Haltung: Wir wollen niemanden zu seinem Glück zwingen: Wer weiterhin über Patreon oder Steady unterstützt, wird nicht benachteiligt, es entstehen keine Nachteile, kein Druck zum Wechsel. Wobei wir aber natürlich den Wechsel sehr leicht machen, indem wir bereits auf Patreon oder Steady bezahlte Zeit auf das bei uns abgeschlossene Abo anrechnen. Es ist schlicht eine zusätzliche, unabhängige Option entstanden, die uns (und langfristig auch unserer Community) mehr Gestaltungsspielraum gibt.

Die ersten Wochen: Überraschend reibungslos
Für ein Projekt dieser Größenordnung, eben ein kompletter Website-Relaunch plus komplett neu gebaute Unterstützer-Infrastruktur, verlief der Launch bemerkenswert glatt. Es gab kaum kritisches Feedback und sehr, sehr viel Lob für das problemlose Onboarding und die durchdachten Funktionen. Natürlich hatten wir auch Bugs und ein paar technische Kinderkrankheiten (etwa bei der Kompatibilität mit bestimmten Podcast-Apps), aber die ließen sich in wenigen Tagen beheben, auch dank der konstruktiven Rückmeldungen aus unserer Community und weil wir natürlich auch die Entwicklungsarbeit nicht mit dem Launch eingestellt haben: Stay Forever und Ludomagus arbeiten einfach in gleicher Schlagzahl weiter, fixen berichtete Bugs, realisieren von Usern gewünschte Features, bauen die Plattform weiter aus. Wir denken dabei wie bei Apps in Releases, Version 1.1 ist drei Wochen nach dem Launch erschienen, ein weiterer Release pro Monat ist zumindest bis Jahresende geplant.
Dieses starke Community-Feedback, diese unmittelbare gemeinsame Arbeit am Projekt, ist für uns kein Nebenprodukt, sondern ein zentraler Teil des Prozesses. Das ist einer der Vorteile, den wir uns von der eigenen Infrastruktur (und von einer eng verzahnten Zusammenarbeit mit unserem Entwicklungspartner) erhofft hatten: kurze Wege zwischen Feedback und Umsetzung. In Zeiten der “Enshittification”, die man als Kunde großer amerikanischer Plattformen durchaus deutlich spüren kann, ist es schön, wenn man mit einer User-zentrierten, offenen, qualitätsorientierten Produktentwicklung ein Zeichen setzen kann. Und dass dieses Zeichen mit einem Karlsruher Unternehmen gemeinsam entstanden ist, ist für uns eine schöne Randnotiz.

Die Haltung dahinter
Für uns steckt hinter diesem Projekt mehr als eine technische Migration oder ein Website-Relaunch. Es geht um mehr als gesparte Plattformgebühren (auch wenn das ein netter Nebeneffekt ist). Es geht um eine Grundüberzeugung, die für viele Creator und Medienschaffende relevant sein dürfte: Die Beziehung zum eigenen Publikum und die Kontrolle über die eigenen Inhalte gehören in die eigene Hand, nicht ins Ermessen Dritter.
Die aktuellen Nachrichten von Patreon sind für uns kein Grund für Alarmismus. Aber sie sind eine gute Erinnerung daran, warum wir diesen Weg eingeschlagen haben, und dass strukturelle Unabhängigkeit für Creator kein Nice-to-have ist, sondern zunehmend eine strategische Notwendigkeit.
Und das Schöne: Unsere Hörerinnen und Hörer scheinen das ähnlich zu sehen, wir haben in den drei Wochen seit dem Launch mehr Abos gewonnen als davor im ganzen ersten Halbjahr, und ein substanzieller Teil unserer Abo-Basis hat das Angebot angenommen, von Steady und Patreon zu wechseln.
Das alles ist für uns aber erst der Anfang, nicht das Ende. Die Plattform wird kontinuierlich weiterentwickelt, es gibt bereits eine lange Liste an Ideen und Features, die wir gemeinsam mit Ludomagus umsetzen möchten. Wir sind gespannt, wohin uns dieser Weg noch führt, und gehen ihn mit Zuversicht.





















